Smart Home – der schmale Grat zwischen Wahnsinn, Barrierefreiheit und Eheberatung

Gemütliches Wohnzimmer am Abend mit einem Paar, Hund und Kinderspielzeug. Im Vordergrund zeigt ein Tablet ein Smart-Home-Dashboard mit Licht, Rollläden, Heizung sowie Türen und Fenstern. Darüber steht: Smart Home – der schmale Grat zwischen Wahnsinn, Barrierefreiheit und Eheberatung.

Smart Home ist inzwischen ja in aller Munde.

Licht per Handy einschalten.

Rollläden automatisch fahren lassen.

Heizung regeln.

Steckdosen schalten.

Temperaturen messen.

Türen überwachen.

Und wenn man erst einmal damit angefangen hat, findet man erstaunlich schnell Dinge, von denen man vorher gar nicht wusste, dass man sie unbedingt automatisieren muss.

Die einfachste Erklärung für Smart Home lautet deshalb wahrscheinlich:

Man schafft sich Probleme, wo man vorher keine hatte.

Aber es macht Spaß.

Zumindest meistens.

Wenn alles funktioniert, freut sich nämlich jeder darüber.

Das Licht geht automatisch an.

Die Rollläden fahren herunter.

Die Heizung macht, was sie soll.

Die Türen werden korrekt als geschlossen angezeigt.

Und man denkt:

Geil.

Warum hatte ich das nicht schon viel früher?

Interessant wird es erst, wenn das Smart Home irgendwann beschließt, seinen eigenen Charakter zu entwickeln.

Dann ist die geschlossene Tür plötzlich offen.

Ein Licht ist laut System aus, obwohl es munter vor sich hin leuchtet.

Oder die Heizung kommt zu dem Schluss:

22 Grad?

Viel zu kalt.

Wir machen lieber mal 30.

Am besten abends.

Oder nachts.

Für ein funktionierendes Smart Home braucht man deshalb nicht nur WLAN, Sensoren und ein bisschen Geduld.

Ein toleranter Partner ist ebenfalls von Vorteil.

Alternativ einen guten Eheberater.

Aber fangen wir vorne an

Wenn ihr die letzten Artikel über Carl gelesen habt, ist euch ein Begriff inzwischen wahrscheinlich öfter begegnet:

Home Assistant.

Home Assistant hier.

Home Assistant da.

Der SmartShunt hängt in Home Assistant.

Der Gasfüllstand landet in Home Assistant.

Die Heizung wird über Home Assistant gesteuert.

Und irgendwo dazwischen habe ich offenbar einfach vorausgesetzt, dass jeder weiß, wovon ich eigentlich rede.

Vielleicht sollten wir das mal ändern.

Denn bevor ich euch noch weitere Geräte um die Ohren haue, die irgendwie mit Home Assistant verbunden werden, wäre es möglicherweise ganz hilfreich zu erklären, was dieses Home Assistant überhaupt ist.

Keine Sorge.

Das wird jetzt kein Informatikkurs.

Was ist Home Assistant?

Home Assistant ist vereinfacht gesagt eine Zentrale für Smart-Home-Geräte.

Es ist eine Software.

Bei mir läuft sie unter anderem im Wohnmobil auf einem kleinen Raspberry Pi.

Das ist ein kleiner Computer, der irgendwo seinen Dienst verrichtet und dabei im Idealfall möglichst wenig Aufmerksamkeit verlangt.

Im Haus läuft Home Assistant ebenfalls und verbindet dort inzwischen alles Mögliche miteinander.

Home Assistant kann Informationen von verschiedenen Geräten sammeln.

Und es kann viele dieser Geräte auch steuern.

Das Entscheidende dabei ist:

Die Geräte müssen nicht alle vom gleichen Hersteller kommen.

Denn normalerweise kocht im Smart-Home-Bereich jeder Hersteller gerne sein eigenes Süppchen.

Die Lampe hat ihre App.

Die Heizung hat ihre App.

Die Steckdose hat ihre App.

Der nächste Sensor braucht wieder etwas anderes.

Und wenn es hervorragend läuft, hat man am Ende acht Apps auf dem Handy und weiß trotzdem nicht mehr, in welcher davon jetzt eigentlich das Badezimmerlicht steckt.

Home Assistant versucht, diesen ganzen Kram an einer Stelle zusammenzubringen.

Oder etwas weniger technisch gesagt:

Alle reden durcheinander und Home Assistant spielt Dolmetscher.

Meistens.

Manchmal reden trotzdem alle durcheinander.

Dann darf ich herausfinden, wer gerade wen nicht versteht.

Bei mir ist Smart Home nicht nur Spielerei

Natürlich macht mir der technische Kram Spaß.

Sonst hätte ich vermutlich längst aufgegeben und wieder normale Lichtschalter eingebaut.

Aber für mich hat Smart Home noch einen ganz anderen Nutzen.

Ich bin blind.

Und vieles, was für einen sehenden Menschen mit einem kurzen Blick erledigt ist, funktioniert für mich eben nicht so.

Ist das Licht im Büro noch an?

Sind die Rollläden schon geschlossen?

Ist irgendwo noch ein Fenster oder eine Tür offen?

Ein sehender Mensch schaut kurz hin.

Fertig.

Ich müsste im Zweifel durch das Haus gehen und nachprüfen.

Bei einem Licht kann ich vielleicht noch erkennen, ob es an ist, wenn entsprechend viel Helligkeit im Raum ankommt.

Bei einem Rollladen wird das schon schwieriger.

Und spätestens wenn mehrere Räume ins Spiel kommen, wird aus „mal kurz kontrollieren“ ein kleiner Rundgang durchs Haus.

Heute kann ich mein iPhone nehmen und mir vorlesen lassen, welche Lichter an sind.

Ich kann nachschauen, ob die Rollläden offen oder geschlossen sind.

Ich kann kontrollieren, was verschiedene Sensoren melden.

Und wenn ich abends wissen möchte, ob irgendwo noch Licht brennt, muss ich nicht erst sämtliche Räume ablaufen.

Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit.

Für mich ist es aber ein Stück Selbstständigkeit.

Und genau das ist der Punkt, an dem Smart Home von einer netten technischen Spielerei zu echter Barrierefreiheit wird.

Wenn die Technik allerdings anderer Meinung ist

Natürlich funktioniert das nur dann richtig gut, wenn die Informationen stimmen.

Und da wären wir wieder beim Wahnsinn.

Wenn Home Assistant mir meldet:

Hintertür offen.

Die Hintertür aber definitiv geschlossen ist, wird aus Barrierefreiheit ziemlich schnell Beschäftigungstherapie.

Dann stehe ich nämlich da und darf herausfinden:

Ist die Tür wirklich offen?

Ist der Sensor hängen geblieben?

Hat das Funknetz gerade schlechte Laune?

Oder wurde der letzte Zustand einfach nicht sauber übertragen?

Da hilft mir dann auch die schönste Automatisierung nichts.

Wobei solche Situationen durchaus ihren Unterhaltungswert haben.

Man lernt nämlich ziemlich schnell, dass ein Smart Home hervorragend darin ist, Probleme zu melden.

Ob diese Probleme tatsächlich existieren, ist eine völlig andere Frage.

Früher hatte ich einen Lichtschalter

Früher war das alles einfacher.

Lichtschalter drücken.

Licht an.

Lichtschalter drücken.

Licht aus.

Funktioniert seit Jahrzehnten erstaunlich zuverlässig.

Heute kann ich mir Gedanken darüber machen, ob das Licht automatisch angehen soll, wenn jemand den Raum betritt.

Aber nur, wenn es dunkel genug ist.

Und vielleicht nur zu bestimmten Uhrzeiten.

Und wenn niemand mehr da ist, soll es nach einer gewissen Zeit wieder ausgehen.

Außer jemand sitzt still am Schreibtisch.

Dann wäre Licht aus eher unpraktisch.

Natürlich braucht kein Mensch das.

Aber wenn es einmal sauber funktioniert, ist es schon ziemlich geil.

Und genau das ist das Problem.

Man gewöhnt sich daran.

Sehr schnell.

Dann kommt die Heizung

Mit Heizungen kann man ebenfalls viel Spaß haben.

Temperatur messen.

Solltemperatur einstellen.

Zeitpläne.

Absenkung.

Anwesenheit.

Fenster offen.

Fenster geschlossen.

Da kann man sich richtig austoben.

Und irgendwann sitzt man abends gemütlich auf dem Sofa und stellt fest, dass es langsam verdächtig warm wird.

Home Assistant beziehungsweise irgendein Teil des Systems hatte dann vielleicht gerade eine kreative Phase.

22 Grad?

Das klingt doch kühl.

Wir machen lieber mal 30.

Spätestens dann kommt der Punkt, an dem der Partner fragt:

„Was hast du schon wieder gemacht?“

Und man selbst sagt:

„Nichts.“

Das ist übrigens eine technisch völlig korrekte Antwort.

In diesem Moment hat man meistens wirklich nichts gemacht.

Irgendwann vorher allerdings schon.

Das zählt in einer Beziehung offenbar trotzdem.

Was bringt mir das im Wohnmobil?

Bei Carl geht es um ähnliche Dinge.

Nur interessieren mich dort teilweise andere Werte.

Wie voll ist meine Aufbaubatterie?

Wie viel Strom wird gerade verbraucht?

Wird geladen?

Wie viel Gas ist noch in der Flasche?

Welche Temperatur haben wir im Fahrzeug?

Was macht die Heizung?

Solche Informationen kommen aus ganz unterschiedlichen Geräten.

Und genau deshalb gefällt mir Home Assistant auch im Wohnmobil.

Ich möchte nicht für jeden einzelnen Wert eine andere App öffnen.

Ich möchte eine Oberfläche haben, auf der die Dinge zusammenkommen.

Wenn ich wissen möchte, wie es Carl gerade geht, möchte ich einfach dort nachschauen.

Oder in meinem Fall:

nachschauen lassen.

Der SmartShunt liefert beispielsweise Daten über Batterie und Stromverbrauch.

Der Gasfüllstand kommt aus einem anderen System.

Die Heizung wiederum hat ihre eigene Technik.

Home Assistant bringt diese Informationen zusammen.

Und auf meinem iPhone kann VoiceOver mir daraus etwas machen, womit ich tatsächlich arbeiten kann.

Aus Anzeigen werden Informationen

Das ist für mich einer der wichtigsten Punkte überhaupt.

Viele Geräte haben Displays.

Balken.

Symbole.

LEDs.

Anzeigen.

Für einen sehenden Menschen reicht ein Blick.

Für mich bringen diese Anzeigen erst einmal herzlich wenig.

Natürlich könnte ich jedes Mal jemanden fragen.

„Wie voll ist die Batterie?“

„Wie viel Gas haben wir noch?“

„Ist die Heizung an?“

„Ist irgendwo noch Licht an?“

Kann man machen.

Will ich aber nicht.

Wenn die Informationen in Home Assistant vorhanden sind, kann ich selbst darauf zugreifen.

Mein Handy liest mir die Werte vor.

Ich kann selbst kontrollieren, was gerade passiert.

Und ich kann viele Dinge selbst steuern.

Das ist für mich keine nette Zusatzfunktion.

Das ist Barrierefreiheit.

Und dann fängt man an zu automatisieren

Wenn die ganzen Informationen erst einmal an einer Stelle vorhanden sind, kommt natürlich irgendwann die nächste Idee.

Wenn Home Assistant sowieso weiß, was gerade passiert …

… dann könnte es doch eigentlich auch noch …

Und damit ist der Abend gelaufen.

Aus einer kleinen Idee werden drei Automationen.

Dazu zwei neue Sensoren.

Dann fällt einem noch ein, dass man eigentlich eine Benachrichtigung gebrauchen könnte.

Und irgendwann um halb zwei nachts sitzt man da und fragt sich, warum der verdammte Türsensor seit drei Stunden behauptet, die geschlossene Tür sei offen.

Smart Home eben.

Probleme schaffen, wo vorher keine waren.

Aber es macht Spaß.

Ich sagte es bereits.

Muss man dafür programmieren können?

Nein.

Zumindest nicht für alles.

Home Assistant ist über die Jahre deutlich benutzerfreundlicher geworden und vieles lässt sich inzwischen über eine grafische Oberfläche einrichten.

Man kann also erstaunlich viel einfach zusammenklicken.

Natürlich kann man trotzdem ziemlich tief einsteigen.

Wer möchte, kann sich vermutlich wochenlang mit Automationen, Einstellungen, Funkstandards und irgendwelchen Speziallösungen beschäftigen.

Man kann allerdings auch einfach ein paar Geräte einbinden und sich freuen, dass sie funktionieren.

Ich befinde mich erfahrungsgemäß irgendwo zwischen diesen beiden Varianten.

Ich fange mit

„Ich möchte eigentlich nur diesen einen Wert sehen“

an.

Und drei Tage später versuche ich irgendein Gerät dazu zu bringen, etwas zu tun, das der Hersteller vermutlich nie vorgesehen hatte.

Ganz normal.

Warum ausgerechnet Home Assistant?

Für mich ist vor allem wichtig, dass ich verschiedene Systeme zusammenbringen kann.

Ich möchte nicht von einem einzigen Hersteller abhängig sein.

Wenn ein Gerät gute Daten liefert, möchte ich diese Daten verwenden können.

Wenn später ein anderes Gerät dazukommt, soll es möglichst ebenfalls in dieselbe Oberfläche passen.

Im Haus bedeutet das unter anderem:

Lichter.

Rollläden.

Temperaturen.

Heizung.

Türsensoren.

Und noch einiges mehr.

Im Wohnmobil sind es Batterie, Gas, Heizung und nach und nach weitere Funktionen.

Home Assistant ist dabei die gemeinsame Zentrale.

Das Ergebnis soll irgendwann ziemlich simpel wirken.

Obwohl es dahinter möglicherweise überhaupt nicht simpel ist.

Das ist eigentlich mein Ziel.

Vorne:

übersichtlich.

Hinten:

komplettes Chaos.

Also genauso wie bei mir im Kopf.

Wenn es läuft, möchte man es nicht mehr missen

Das ist wahrscheinlich die beste Zusammenfassung.

Wenn alles funktioniert, merkt man ziemlich schnell, wie bequem das Ganze ist.

Ich muss nicht mehr durch das Haus laufen, um zu kontrollieren, ob irgendwo noch Licht an ist.

Ich kann nachsehen, ob die Rollläden geschlossen sind.

Ich bekomme Zustände vorgelesen, die ich sonst nicht einfach erkennen könnte.

Im Wohnmobil bekomme ich Informationen zugänglich gemacht, die ursprünglich für eine optische Anzeige gedacht waren.

Und irgendwann hält man all diese Dinge für völlig normal.

Bis etwas nicht funktioniert.

Dann steht die geschlossene Tür plötzlich offen.

Die Heizung entwickelt eigene Vorstellungen vom Raumklima.

Oder irgendein Sensor verabschiedet sich genau dann, wenn man ihn braucht.

Und dann hört man irgendwann die Frage:

„War das früher nicht einfacher?“

Doch.

War es.

Aber früher konnte ich auch viele dieser Dinge nicht selbst kontrollieren.

Deshalb nehme ich den gelegentlichen Wahnsinn gerne in Kauf.

Meistens zumindest.

Home Assistant ist nicht das eigentliche Ziel

Home Assistant selbst ist für mich kein Selbstzweck.

Ich baue das nicht ein, damit ich sagen kann:

Schaut mal, ich habe Home Assistant.

Davon wird weder der Kaffee warm noch die Batterie voller.

Es ist einfach das Werkzeug, mit dem ich verschiedene Dinge zusammenbringen kann.

Das eigentliche Ziel ist:

Ich möchte wissen, was passiert.

Ich möchte möglichst viele Dinge selbst bedienen und kontrollieren können.

Im Haus genauso wie im Wohnmobil.

Und bei Carl sollen später auch Kathi oder unsere Mieter nicht fünf verschiedene Systeme verstehen müssen.

Wenn jemand wissen möchte, wie viel Gas noch da ist, soll er genau diese Information bekommen.

Wenn jemand die Heizung bedienen möchte, soll er die Heizung bedienen können.

Und wenn ich wissen möchte, wie lange der Strom beim aktuellen Verbrauch ungefähr noch reicht, möchte ich dafür nicht erst drei Apps öffnen und anschließend den Taschenrechner bemühen.

Genau dafür ist das Ganze da.

Und jetzt wisst ihr endlich, wovon ich dauernd rede

Wenn ich also in den nächsten Artikeln wieder schreibe:

„Das landet in Home Assistant“

oder

„Das steuern wir über Home Assistant“,

wisst ihr jetzt zumindest, was ich damit meine.

Es ist die Zentrale, in der die ganzen Geräte und Informationen zusammenkommen.

Im Haus hilft sie mir unter anderem dabei, Dinge selbst zu kontrollieren, die ich nicht einfach sehen kann.

Und bei Carl wird sie Stück für Stück zur gemeinsamen Zentrale für Batterie, Gas, Heizung und den restlichen technischen Wahnsinn.

Smart Home ist also irgendwo zwischen Spielerei, Hobby und echter Hilfe.

Bei mir kommt noch Barrierefreiheit dazu.

Und gelegentlich Eheberatung.

Wobei ich bislang noch keinen Eheberater in Home Assistant eingebunden habe.

Noch nicht.

Wenn es dafür irgendwann eine Integration gibt, sage ich Bescheid.